Culture

„Machen Männer die Geschichte?“ - eine Begegnung mit wichtigen Frauen in Strasbourg

Für die neue Serie „Machen Männer die Geschichte?“ führte uns Waltraud Enders am 26.05 durch die Straßburger Innenstadt und stellte „Frauen in Strasbourg“ vor, die mit ihrer Lebensgeschichte die provokante Frage dieser Serie widerlegen.  Sie selbst hat in ihrem Leben gezeigt, wie Frauen sich verwirklichen können und hat als älteste Teilnehmerin eine Schulung zur Führerin für die Bundesgartenschau im Jahr 2004 erfolgreich absolviert und arbeitet, obwohl schon lange im Ruhestand,  immer noch in diesem Bereich.  Vielleicht liegt es an ihrer eigenen Lebensgeschichte, dass sie ihre Besucher  mit einem solchen Elan und einer solchen Frische durch das Leben einiger wichtigen Frauen Strasbourgs führte.

Es ist wahr, dass Frauen in den Geschichtswissenschaften selten auftauchen. Je weiter es zurück geht, desto seltener scheinen sie eine Rolle zu spielen. Um ihre Machtstellung zu wahren, taten die Männer einiges und erklärten die Frauen dabei oftmals zum schwachen Geschlecht.  So durften Ehefrauen, Geisteskranke und Minderjährige lange Zeit nicht über das Geld der Familie verfügen und wurden vor allem auch in Sachen Bildung deutlich benachteiligt. Medizinische Gutachten, natürlich von Männern verfasst, erklärten die Frau ebenfalls zu einem dem Mann unterlegenen Geschöpf. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Frauenbilder, die sich in der Gesellschaft festsetzen, oftmals die vom „Heimchen am Herd“ waren. Umso deutlicher stechen die Frauen hervor, die sich durch ihr Handeln von dieser Vorstellung absetzten. Jedoch erfuhren sie oftmals erst nach ihrem Tod die verdiente Anerkennung, da die Geschichtsschreibung ebenfalls in den Händen der Männer lag.

 

                                                              Drei starke Frauen ihrer Zeit

Katharina Zell (* um 1497 in Straßburg; † 5.9.1562) ist eine dieser Frauen, die Großes geleistet hat, aber von der Geschichtsschreibung quasi ignoriert wurde und bis heute nicht die Anerkennung erfährt, die ihr eigentlich zusteht. Sie war eine Verfechterin der Reformationsbewegung und schaffte es immer wieder mit ihrem Geschick die einzelnen Richtungen der jungen Bewegung zusammenzuhalten. Die junge gebildete Frau, die eine Lateinschule besuchen durfte, fiel dem Priester Matthäus Zell auf, der ebenfalls dieser Bewegung angehörte und sie waren es schließlich auch, die die erste Priesterehe schlossen. Von Martin Luther ermutigt, hat Katharina Zell stets für Toleranz gekämpft und hat sich dadurch einen wichtigen Platz in der Geschichtsschreibung verdient. Jedoch wird ihr dieser Tribut bis heute nicht gezollt, so findet man beispielsweise in der Thomaskirche keine Andeutung auf ihre Wirkung, obwohl dies die einzige Kirche Strasbourgs ist, die durchweg evangelisch blieb und den Männern, die in der Reformationsbewegung eine wichtige Rolle spielten, durchaus den Platz für die ihnen gebührende Anerkennung gewährt.

Eine andere Frau aus der Umgebung von Strasbourg, die im Schatten eines wichtigen Mannes eine einflussreiche Rolle spielte, war Friederike Brion (vermutlich am 19.April 1752; † am 3.April). Das damals junge Mädchen aus dem Örtchen Sessenheim im Elsass lernte den jungen Johann Wolfgang von Goethe im Pfarrhaus ihrer Eltern kennen. Zwischen Friederike und Goethe begann eine stürmische, jedoch kurze Liebschaft. Goethe und die Literaturgeschichte haben einige der schönsten Liebesgedichte dem jungen Mädchen aus Sessenheim zu verdanken, die für Goethe wie eine Muse war. Als sie Goethe jedoch einmal in Straßburg besuchte, soll dieser bemerkt haben, dass der ländliche Charme, der Friederike umgab und sie auf dem Land so liebenswert gemacht hatte, in der Stadt zwischen seinen Freunden seine Wirkung verlor. Zwar besuchte er Friederike noch einige Male in ihrem Dorf, aber als er nach Frankfurt ging, schrieb er ihr von dort einen Abschiedsbrief, der Friederike das Herz brach. Friederike heiratete nie, obwohl sie viele Verehrer hatte. Erst nach ihrem Tod wurde ihre Bedeutung wirklich honoriert, so ziert ihren Grabstein heute ein Spruch von Ludwig Eckhardt: „Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, so reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh!

Während Friederike im Gegensatz zu Katharina Zell immerhin nach ihrem Tod Anerkennung erfährt, schafft Elly Heuss-Knapp (* 25.1.1881; † 19.11.1952) aus Strasbourg sich ihr eigenes Denkmal.  Weil sie selbst unter der geringen Bildung litt, die sie erfahren hatte, entschloss sie sich nach dem Besuch eines Lehrerinnenseminars dazu eine Schule für Mädchen zu gründen, die sogenannte Fortschrittsschule. Diese sollte Mädchen die Bildung ermöglichen, die ihr selbst verwehrt geblieben war. Später in ihrem Leben konnte Elly Heuss-Knapp jedoch auch ihrem eigenen Wunsch nachgehen und besuchte als Gasthörerin sowohl die Universität Freiburg, als auch die Universität in Berlin. Wie ihr Mann vor seiner politischen Karriere als Bundespräsident wurde auch sie Journalistin. Während der Nazizeit wurde ihr diese Aktivität jedoch verboten, woraufhin sie sich, um ihre Familie zu ernähren, einen Beruf in der Werbebranche suchte. Auch wenn die Laudatio nach ihrem Tod von Konrad Adenauer ihr nicht gerecht wurde, da dieser versuchte sie in das passive Frauenbild zu drängen und ihren einzigen Verdienst darin sah ihren Mann unterstützt zu haben, spricht jedoch das, was uns von Elly Heuss-Knapp bleibt, eine andere Sprache: die blaue Nivea-Dose beispielsweise, die es bis heute noch zu kaufen gibt, wurde von ihr entworfen und stellt so ein Symbol einer aktiven Frau dar, die Vorreiterin ihrer Zeit war, in dem sie Familie und Karriere erfolgreich vereinbarte.

Katharina Zell, Friederike Brion und Elly Heuss-Knapp, sind nur drei Frauen die wir während unserer Tour durch den alten Stadtkern kennenlernten. Auch die Gestalten andere Frauen begegneten uns auf unserem Weg, wie Marie-Antoinette, Marie-Louise, Bärbel von Ottenheim, Stéphanie Beauharnais, Herrad von Landsberg und Catherine Trautmann. Ob sie nun als Muse ein Gewinn für die Literaturgeschichte, eine eindrucksvolle Gestalt am französischen Hofe oder aber eine Verfechterin der Reformationsgeschichte waren, ob wir ihnen die Niveadose, eine Enzyklopädie (Herrad vom Landsberg) oder die Tram in Strasbourg (Catherine Trautmann) verdanken, diese Frauen haben gezeigt, dass nicht nur Männer die Geschichte machen und dass hinter so manchem einflussreichen Mann auch eine wichtige Frau stand. Diese erfreuliche Erkenntnis wurde  mit einer Weinprobe im Hôpital Civil gefeiert und bescherte der Führung ein  geselliges Ende.

Beitrag von Carolin Kaiser

Bei Interesse an weiteren Veranstaltungen zu diesem oder zu anderen Themen, konsultieren sie die Homepage des Historischen Vereins in Kehl.

 

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